Grüner Markt Blog

07.02.
2017
Produzieren in der Stadt

 

Wir befinden uns nicht in einer ökonomischen Krise, die wie eine Krankheit kurz auftaucht und dann wieder vergeht, sondern wir erleben den Beginn einer neuen Epoche. ‘Post-industriell‘ ist hier ganz wörtlich gemeint: Das Zeitalter der großen Industrien mit ihren zentralisierten Fabrikkolossen versinkt langsam aber sicher in der Vergangenheit. Die Bahnhofs-ähnlichen Hallen, in denen Tausende von Arbeitern unsere Verbrauchsgüter herstellten, sind ein Auslaufmodell. Was jetzt kommt ist eine Kultur des Digitalen und der ‘Maker‘. 

Die Fragen die uns daher von nun an mehr und mehr beschäftigen werden, kreisen um neue Organisationsformen und Ökonomiefelder. Um Mikroproduktion und Digitalisierung. Um Innovationsprozesse und deren Gewinnverteilung. Um lokale Kreislauf-Ökonomie, Regionalwert und Allmende. 

the industrial economy - 19. Jahrhundert    
consumer economy - 20. Jahrhundert   
maker economy - 21. Jahrhundert    

Städte sind ein „Real-time“-Forschungslabor für diese neuen kreativwirtschaftlichen Arbeitsfelder. 

New Factory während der Vienna Biennale oder die StadtFabrik im MAK sind Projekte, die die Entdeckung und Sichtbarmachung zukünftiger urbaner Potenziale in einer sich im Umbruch befindenden Ökonomie vermitteln. Dort werden `hands on` neue Strategien für den Produktionsstandort Wien, sowie neue Arbeitsbereiche und -formen in einer Zeit der Urbanisierung, Automatisierung sowie der gesellschaftlichen und ökologischen Herausforderungen untersucht.

Es geht um Potenziale alternativer Formen der Zusammenarbeit und Innovationen für den Wandel in einer zukunftsfähigen Stadt. Orte wie die Brotfabrik im 10. Bezirk oder die Tabakfabrik in Linz, sowie die dutzenden Fablabs in Österreich sind bereits jetzt Demonstratoren einer neuen Epoche im Stadtraum. Diese Orte mit ihren alternativen Produktionsszenarien schaffen im urbanen Kontext Realitäten. Sie sind einerseits Display mit umfassenden Informationen, andererseits sind das Sphären, wo es sehr praktisch zugeht. Man arbeitet an Maschinen, um sich Dinge selbst herzustellen, man wird in neuen Technologien beraten, man erfährt über Strategien der Nachhaltigkeit und man wird in der Sehnsucht unterstützt, das zu tun, was man wirklich will. 

Dort wird auch Freiraum für Produkte geschaffen, die noch nicht am Markt sind. Priorität hat meistens das Zusammenführen von Technologien und Taktiken, die eine autarke, regionale Produktion in kleinen Räumen ermöglichen. Stadteilzentren dieser Art ermächtigen jederman zum Beispiel selber Fische zu züchten, oder einfach nur Dinge des täglichen Gebrauchs selbst herzustellen und damit einen Teil seiner Arbeit zu gestalten. Ein Ziel ist es, die Eigenherstellung mit Spitzentechnologie und Top Know How zu verbinden, was das Produzieren mit extrem kleinen logistischen Aufwand grüner als jeden „Green Deal“ macht und die Resilienz kleiner Gemeinschaften und jedes Einzelnen stärkt.

Diese `New Factories` zeigen auf, „worin“ und „wohin“ sich das alte Industrie-Modell transformiert und sind zugleich die Forderung nach offenen ‚Fabriken‘, die allen Produktionsinfrastruktur zur Verfügung stellt. Die Demokratisierung der Produktionsprozesse als Konsequenz technischen Fortschritts ist aktuell ein Phänomen getrieben durch Vordenker der Internet & DIY Bewegungen. Die konsequente gesellschaftliche Weiterentwicklung kann dazu beitragen, lokale Gemeinschaften, Grätzel, ja eine ganze Stadt unabhängiger zu machen.

Im Quartiershaus`Grüner Markt` wo sich alles um Wohnen, Arbeiten und Produzieren in seiner Mutation drehen wird, wollen wir diese Schritte gehen und ein Ort der konkreten Utopie für Wien werden.

(videolink - The Road to Grüner Markt). 

6.02.2017  Thomas Schneider/NANK